Montag, 24. August 2009

Von der Kunst des Schreibens: Aller Anfang ...

... Der erste Kunstkniff, den ich jetzt gerade zur Anwendung bringe, besteht darin, dass man genau dort anfängt, wo man sich gerade befindet. Es ist ein Luxus und ein Segen, wenn man in der richtigen Stimmung zum Schreiben ist, aber keinesfalls eine unverzichtbare Voraussetzung.

Schreiben ist wie atmen, und man kann lernen, die Qualität des einen wie des anderen zu verbessern. Denn eigentlich geht es ausschließlich darum, überhaupt zu schreiben, egal wie.

Schreiben ist wie atmen. Das glaube ich tatsächlich. Ich glaube, dass wir alle als Schriftsteller geboren werden. Wir werden mit unserer Sprachbegabung geboren und wir erobern uns die Sprache innerhalb von wenigen Monaten, indem wir den Dingen in unserer Welt einen Namen geben. Sobald ein Mensch die Objekte in seiner Umgebung richtig zu bezeichnen weiß, wird er von Befriedigung und einem gewissen Gefühl von Inbesitznahme erfüllt. Wörter verleihen uns Macht.

Wenn Wörter uns tatsächlich Macht verleihen, wann verlieren wir dann aber unsere Macht über die Wörter? Wann kommen wir auf den Gedanken, dass ein paar von uns "gut in den Sprachen" sind und sich sogar als "Schriftsteller" hervortun, während wir Übrigen Sprache einfach nur benutzen und es nicht wagen würden, uns dem gleichen illustren Klub hinzuzurechnen?

Ich vermute, dass für die meisten von uns diese Klassifikationen in der Schule beginnen. In der Schule wird uns nämlich gesagt: "Du kannst gut mit Worten umgehen." Dort finden wir neben der Benotung unter einer Klassenarbeit in Geographie die säuberliche, handschriftliche Bemerkung des Lehrers: "Gut formuliert."

Gut formuliert - was soll das heißen? In der Schule verweist eine solche Bemerkung in der Regel auf klares, geordnetes Denken. Grammatisch korrekt. Wohl geordnete Fakten. Sie kann sich auch auf spezifische Lerninhalte beziehen wie Themengliederung und Übergänge. In den seltensten Fällen bezieht sie sich auf Wörter, die hervorstechen, auf einfallsreiche Wortkombinationen, auf Absätze voll von großartigen freien Assoziationen und Abschweifungen - allesamt Begabungen, über die ein junger Dichter oder Romancier möglicherweise verfügt und die ihm beim Abfassen von gelehrten akademischen Arbeiten rein gar nichts nützen.

Was geschieht, wenn sich eine derartige Schreibweise in Schulaufsätzen offenbart? Häufig verursacht sie eine Reihe von Randbemerkungen, doch diesmal negativer Natur: "Hier kommst du ein wenig vom Thema ab." Oder : "Bleib beim Thema!" Lehrer, die Zeit und Mühe investieren, um einen individuellen Sprachstil zu loben, der sich nicht den akademischen Paradigmen beugt, sind eine Seltenheit. Fast ist es so, als befänden wir uns in der Schule auf einer strengen Diät: "Bitte nicht zu stark würzen."

Nicht so stark würzen. Nicht zu viel Courage. Nicht zu viel Menschlichkeit, bitte. Beim akademischen Schreibstil reduzieren wir uns auf eine langweilige Prosa, bar jeglicher Persönlichkeit und Leidenschaft. Ja, wir äußern uns vielfach von oben herab, als gestatte das Schreiben nur erhabene Motive, als sei es eine Art rationalistisches Destillat, das man auf die Seiten tröpfelt.

In unserer gegenwärtigen Kultur ist eine viel ungesündere Entwicklung im Gange. Schreiben ist zwar nicht verboten, doch wird es unterbunden. Mit vorgedruckten Karten ist es schnell erledigt. Wir erstehen einfach die Karte, die dem, was wir zum Ausdruck bringen möchten, am nächsten kommt. In der Schule lernen wir, wie wir äußern sollen, was wir sagen wollen, und dieses Wie beinhaltet Dinge wie korrekte Rechtschreibung, Satzbau und das Vermeiden von Abschweifungen, damit die Logik die Oberhoheit behält und die Emotion in Schach hält.

Das Schreiben, das wir beigebracht bekommen, wird zu einer unmenschlichen Aktivität. Wir redigieren und korrigieren unablässig und schließen Details nur deshalb aus, weil sie vielleicht nicht sachdienlich sind. Anstelle von Selbst-Ausdruck bringt man uns Selbst-Zweifel und Selbst-Prüfung bei.

Das Ergebnis ist, dass die meisten von uns beim Schreiben zu vorsichtig sind. Wir versuchen, es "richtig" zu machen. Wir versuchen, uns flott auszudrücken. Wir versuchen - Ende.

Schreiben funktioniert jedoch viel leichter, wenn wir nicht ständig so hart daran arbeiten. Wenn wir es zulassen, uns einfach auf dem Blatt Papier auszubreiten.

Für mich ist Schreiben wie ein bewährter alter Schlafanzug: bequem.

In unserer Kultur hingegen scheint das Schreiben mehr Ähnlichkeit mit militärischem Drillichzeug zu haben. Wir wollen, dass unsere Sätze in sauberen Reihen marschieren wie wohlerzogene Kadetten.

Brennen Sie die Schule nieder. Retten Sie vielleicht die Bücher, aber bringen Sie den lehrer dazu, sein Geheimnis zu verraten: Was liest und was schreibt er mit schuldbewusstem Vergnügen? Schuldbewusstes Vergnügen, das ist es nämlich, worum es beim Schreiben wirklich geht. Es geht um Anziehungskraft, um Wörter, denen man nicht widerstehen kann, um eine Sache zu beschreiben, eine Sache, die zu interessant ist, um sie zu übergehen. Und kümmern Sie sich nicht um erhabene Motive. Meine Motivation zum Schreiben hat nichts mit Erhabenheit zu tun, das hatte sie noch nie.

Schreiben ähnelt mehr dem Fahren auf einer endlosen Asphaltstraße an einem heißen Sommertag. Am Horizont sieht man einen magisch glänzenden Fleck tanzen. Auf ihn bewegt man sich zu. Man beeilt sich, um ihn zu erreichen, und kaum ist man da, ist er auch schon verschwunden. Blickt man sich suchend um, sieht man ihn neuerlich in einiger Entfernung verlockend tanzen. Man schreibt auf diesen Punkt zu. Manche Leute mögen das vielleicht als unerfüllte Liebe oder als unbefriedigend bezeichnen. Doch ich finde, es ist etwas viel Besseres.

Für mich ist es Erwartung und Genuss. Für mich ist es, als schmecke man ein großartiges Gericht durch seinen Duft mit der Nase. Ich muss frischgebackenes Brot nicht essen, um es zu mögen. Der Duft ist fast ebenso köstlich, fast ebenso befriedigend wie eine dicke Scheibe Brot, großzügig mit Butter und selbst gemachter Aprikosenmarmelade bestrichen.

Das Gehirn hat Freude am Schreiben. Es hat Freude daran, die Dinge zu benennen, an den Prozessen des Assoziierens und Beurteilens. Wörter zu wählen ist wie Äpfel zu pflücken: Der da sieht aber köstlich aus ...

Der Prozess des Schreibens, der Versuch, treffend zu formulieren, ist wunderbar aufregend und steht dem Spannen einer Bogensehne in nichts nach. Ins krative Schwarze zu treffen und einen Satz niederzuschreiben, der genau zum Ausdruck bringt, was da am Horizont so schimmernd tanzt, lohnt die Jagd allemal. Doch auch die Jagd selbt, all das, was man aus den Augenwinkeln wahrnimmt, ist wertvoll. Ich finde es großartig, wenn mir das Schreiben gut gelingt, aber ich finde es auch großartig, überhaupt zu schreiben.

Kabir sagt: "Wo immer du dich befindest, dort ist der Ausgangspunkt." Und das gilt auch für das Schreiben. Wo immer Sie gerade sind, es ist der richtige Ort. Es gibt keinen Grund, etwas zu korrigieren, der Seele Sonderleistungen abzuverlangen, um auf einer höheren Ebene zu beginnen. Fangen Sie dort an, wo Sie sich jetzt gerade befinden.

Wenn man das Schreiben sich selbst überlässt, dann ist es wie das Wetter. Es verfügt über eine eigene Dramatik, eine eigene Form und über eine Kraft, die den Tag formt. So wie ein heftiger Regenguss die Luft reinigt, so reinigt gutes Schreiben die Psyche. Sich selbst das Schreiben zu gestatten hat etwas zutiefst Richtiges. Und man tut es, indem man anfängt - wo man eben gerade ist.

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